Category Workshop
Title Workshop: "Visualisierung als Provokation? Netzwerkanalysen in Mediävistik und Altertumswissenschaften" (AG Netzwerke zusammen mit Akademie der Wissenschaften"
Date Wednesday, 03.04.2019
Thursday, 04.04.2019
Place

Als noch junge Methode der quantitativen und visuellen Forschung sind Netzwerkanalysen gerade in den historischen Geisteswissenschaften verschiedenen Kritikpunkten ausgesetzt. Die Netzwerkanalyse sei, könnte ein prototypischer Kritiker sagen, eine bloße Spielerei ohne Mehrwert; eine Blackbox, die niemand durchschauen könne; ein Mittel zur Erzeugung bunter Graphiken ohne Erkenntnisgewinn; im schlimmsten Fall Verursacherin haltloser Konstruktionen; und überhaupt sei die Methode für ältere Gesellschaften aufgrund zu geringer Ausgangsdaten meist sowieso gar nicht zu gebrauchen. Unabhängig davon, wie gerechtfertigt derartige Kritikpunkte im konkreten Fall auch sein mögen, liegt der Kritik, so unsere Ausgangsthese, ein grundsätzlicherer Konflikt zugrunde: Computergestützte Netzwerkanalysen und ihre Visualisierung stellen für historische Geisteswissenschaften eine Provokation dar, weil sie das Primat des Geschriebenen und darauf basierende Methoden in Frage stellen und weil die entsprechenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur ihrem Kopf, sondern auch auf Algorithmen vertrauen.

 

Ausgehend von dieser These einer Provokation durch Netzwerkanalysen wird sich die geplante Tagung auf verschiedenen Ebenen mit Kritik an Netzwerkanalysen in der Mediävistik und den Altertumswissenschaften beschäftigen. Zum einen wird es um Standardsituationen der Kritik geht, wie sie der oben angeführte prototypische Kritiker formuliert; ein Kritiker, der nicht unbedingt nur extern gedacht werden muss, da sich die genannten Kritikpunkte leicht auch internalisieren lassen und dann als »innerer Kritiker« zu Begleitern derjenigen werden, die sich mit Netzwerkanalysen beschäftigen. Zum anderen wird es aber auch darum gehen, gegenseitig Kritik zu üben an neuerer Forschung und an aktuellen Projekten der Teilnehmenden. Auf diese Weise lässt sich dann anhand konkreter Projekte vielleicht besser verstehen, was an der Netzwerkanalyse zur Kritik provoziert. Vorläufig haben wir dazu ein paar Ideen, die wir knapp skizzieren.

 

Die meisten der seit dem späten 19. Jahrhundert so genannten Geisteswissenschaften haben nicht nur Methoden entwickelt, die auf einem spezifischen textkritischen und texthermeneutischen Umgang mit ihren jeweiligen Quellen beruhen, sondern präsentieren ihre Überlegungen und Forschungsergebnisse auch in der Regel in Büchern und Aufsätzen textförmig, mittels textueller Analysen, Beschreibungen und Erzählungen, mitunter auch mittels Aufzählungen und Listen. Graphische Darstellungen, Karten und Diagramme übernehmen, wenn sie überhaupt vorkommen, nachgeordnete Funktionen: sie veranschaulichen und visualisieren das im Text bereits Gesagte, oft in didaktischer Hinsicht, so dass graphischen Elementen kein Eigenwert zuerkannt wird, wenn es um die Generierung und Vermittlung von Wissen geht.

 

Diese vorgängige hermeneutische Festlegung auf das Primat des Geschriebenen leistet Verschiedenes. So trägt sie etwa dazu bei, die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft zu stabilisieren. Während die Naturwissenschaften schon seit langem Wissen graphisch vermitteln und in Form der Mathematik über eine abstrakte Formelsprache und ein geometrisches Formeninventar verfügen, nutzen demgegenüber die Geisteswissenschaften für ihre Forschung das Instrument der natürlichen Sprachen und ihrer Notationssysteme. Eine solche (natürlich konstruierte und schon deshalb auch fragile) Differenz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zeigte sich gerade auch in denjenigen ursprünglich eher geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die den Zahlen und dem Zählen nicht ganz abgeneigt waren und sind, etwa in der Linguistik und in der Soziologie. Die sozialwissenschaftliche Kontroverse, die man gemeinhin mit dem Binarismus »erklären vs. verstehen« aufruft, entsteht ja gerade durch den schwierigen Status der Soziologie als junger Disziplin einer Gegenwart, in der es Zahlen und Daten zur Genüge gibt.

 

Die Festlegung auf das Primat des Geschriebenen leistet darüber hinaus auch eine Entscheidung gegen eine Problemlösung mit Algorithmen, zugunsten einer geistigen Durchdringung eines Phänomens. Abgesehen von der grundsätzlichen Technologieskepsis in den Geisteswissenschaften (mit der das Feld der Digital Humanities schon seit einiger Zeit zu kämpfen hat) ist eine Problemlösung jenseits einer persönlichen Auseinandersetzung mit historischen Artefakten und textuellen Quellen nicht vorgesehen. Forschung ist das, was durch Quellenstudium und Nachdenken, durch Begriffe und Methoden, auf Basis älterer Forschung und in Form einer eigenständigen Darstellung niedergeschrieben wird. Aufsätze und Monographien müssen, so könnte man die grundlegende Forderung formulieren, durchdacht werden – und Algorithmen denken nicht.

 

Die Tagung wird gemeinsam veranstaltet von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und dem Heidelberger Sonderforschungsbereich 933, »Materiale Textkulturen«. Während sich Dr. Jana Pacyna im Rahmen der Nachwuchsforschergruppe »Zählen und Erzählen. Spielräume und Korrelationen quantitativer und qualitativer Welterschließung« in ihrer Habilitation mit netzwerkanalytischen Perspektiven zum englischen Investiturstreit befasst, beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe des SFB seit längerem mit verschiedenen Aspekten von Netzwerken. Im Vordergrund des SFB stehen dabei die Rekonstruktion von Praktiken, in die schrifttragende Artefakte in non-typographischen Gesellschaften eingebunden waren. Die Netzwerkanalyse soll dazu beitragen, derartige Praktiken sichtbar und erforschbar zu machen, gerade vor dem Hintergrund einer oft spärlichen und kaum kontextualisierten Materialbasis.